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Vorwort der Herausgeber

Martin Grunwald und Lothar Beyer

Das Ziel der vorliegenden Monographie ist die Darstellung grundlegender und aktueller Ergebnisse zur haptischen Wahrnehmung, um auf die notwendige und bereits praktizierte interdisziplinäre Vernetzung der Aktivitäten in Forschung und Praxis aufmerksam zu machen. Die Gesamtheit der Beiträge soll damit zwei weit verbreiteten Annahmen entgegentreten:

Erstens: Es ist falsch anzunehmen, dass über den Tastsinn und speziell zur haptischen Wahrnehmung nur wenig Wissen bereitgestellt wird und sich nur eine Minderzahl von Wissenschaftlern diesem Gebiet stellte und stellt. Die Auseinandersetzung mit den bestehenden Hypothesen und Konzepten zum Tastsinn offenbart eine beeindruckende Fülle von Studien und Erkenntnissen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen. Vertreten sind grundlagenorientierte und klinische Fächer sowie anwendungsorientierte Gebiete. Die Vielzahl, das Spektrum und die Originalität der Aktivitäten würde mehrbändige Ausgaben füllen. Es fehlt somit nicht an Paradigmen und Fragestellungen, an Anwendungsbereichen und scheinbar unlösbaren Problemen, sondern an Foren und Austauschebenen für Wissenschaftler und Praktiker. Die einzelnen verschiedenen – zum Großteil interdisziplinären – Aktivitäten geschehen oft unbemerkt. Und auch innerhalb der "Tastsinn-Gemeinde" herrscht eher eine Bescheidenheit der Nische, die jedoch nicht im Verhältnis zu dem steht, was schon erkundet wurde und noch erfahren werden muss. Es sind somit nicht zu wenige, die zu diesem Gegenstand arbeiten, sondern zu wenig wird das bestehende Wissen und die vorhandenen Aktivitäten gebündelt und zusammenfassend dargestellt.

Zweitens: Die Forschungstätigkeit zur haptischen Wahrnehmung ist nicht deshalb so vereinzelt und kaum als großes Paradigma etabliert, weil die Bedeutung dieser Erkenntnisse gering wäre. Ganz im Gegenteil. Die außerordentliche Bedeutung der haptischen Wahrnehmung für den Menschen im Kontext der anderen Wahrnehmungssysteme steht seit langem außer Frage. Vielmehr ist die Zurückhaltung auf diesem Gebiet Ausdruck dafür, dass eindimensionale Ansätze sowohl bei Forschern als auch Anwendern schnell zu Ernüchterung führen. Selbst relativ eng umgrenzte Problemstellungen zur haptischen Wahrnehmung berühren schon nach kurzer Zeit der thematischen Bearbeitung das gesamte Wahrnehmungs- und Verarbeitungssystem des Menschen. Zurückhaltung gegenüber diesem Forschungsgebiet ist somit nicht die Folge mangelnder Bedeutung, sondern Reflex auf die Komplexität des Gegenstandes, die alles andere als methodische Trägheit erfordert.

Gegliedert in fünf Kapitel werden ausgehend von philosophisch-erkenntnis-theoretischen Beiträgen die neurophysiologischen und psychologischen Grundlagen der haptischen Wahrnehmung sowie deren klinische Bedeutung vorgestellt. Die Beiträge wurden so ausgewählt, dass sie Lehrenden und Lernenden als Anleitung und Anregung dienen können. Ein Teil der Beiträge stellt neue und bisher noch nicht veröffentlichte Untersuchungsergebnisse dar. Auf welch vielfältige Weise dem Tastsinn und insbesondere der haptischen Wahrnehmung in praktisch-industriellen Anwendungsbereichen Beachtung geschenkt wird, zeigen die Beiträge des Kapitel V. Darüber hinaus sollen diese Beiträge verdeutlichen, dass der haptischen Wahrnehmung im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit zunehmend ein wirtschaftliches Interesse entgegengebracht wird. Somit besteht die Forderung an die Wissenschaft, diesen Trend aktiv zu befördern und ihm nicht passiv nachzulaufen.

Die Beschreibung des gegenwärtigen Kenntnisstandes, der verworfenen und bestätigten Hypothesen ist jedoch immer auch an den Wunsch gebunden, neue Fragestellungen zu generieren und die Praxis der Forschung zu verändern. Die Beiträge sollen somit auch dazu ermutigen, die Nische zu verlassen und den etablierten Betrieb mit der Unentbehrlichkeit der haptischen Wahrnehmung zu konfrontieren. Wünschenswert wäre, dass diese Arbeit eine Rennaissance und eine Neubestimmung des Tastsinnes in der grundlagen- und anwendungsorientierten Forschung unterstützt. An dieser Stelle möchten wir uns für die außerordentlich freundliche und kompetente Betreuung durch den Birkhäuser Verlag, besonders bei Herrn Dr. Klüber bedanken. Unser Dank gilt weiterhin Herrn Professor W. Krause (Friedrich-Schiller-Universität Jena), der durch seine stete Ermutigung diese Arbeit wesentlich befördert hat. Frau Busse gebührt großer Dank für Ihre mühevolle Arbeit bei der Korrektur des Bandes. Für die vielen kritischen Diskussionen und wichtigen Hinweise möchten wir uns bei allen Freunden herzlich bedanken.

Martin Grunwald, Leipzig
Lothar Beyer, Jena

Mai 2001