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Gestaltpsychologische Ansätze zur Analyse der haptischen Wahrnehmung

Alf Zimmer

Der erkenntnistheoretische Ausgangspunkt gestaltpsychologischer Forschungen zum Tastsinn war explizit oder – meist implizit - die These Locke's (1694) und Berkeley‘s (1709), wonach der Tastsinn das primäre Organ der Wahrnehmung darstelle, auf dem die anderen Formen der Wahrnehmung, speziell die für die Gestaltpsychologen im Vordergrund stehende visuelle Wahrnehmung basieren. Diese Thesen stellten sowohl für die rein empirische wie auch für die idealistischen erkenntnistheoretischen Ansätze der Aufklärungszeit eine, wenn nicht gar die zentrale Frage dar, was besonders deutlich wird bei der Diskussion über „Molyneux’ Frage„2 (1694), ob nämlich Blindgeborene, wenn sie durch Operation sehen würden, die bisher ertasteten Objekte auch visuell erkennen könnten. Während des 19. Jahrhunderts wird allgemein dieser von Condillac3 (1754) fortentwickelten These des Primats des Tastsinns im Rahmen assoziationstheoretischer Wahrnehmungsforschung gefolgt: Auf dem Hintergrund dieses theoretischen Kontextes entwickelte sich die klassische Psychophysik, die mit E. H.  Webers Arbeiten „De Tactu„ von 1834 und „Der Tastsinn und das Gemeingefühl„ (1846) beginnt. Das Postulat vom Primat des Tastsinns ist vor allem in der Entwicklungspsychologie erkenntnisleitend gewesen (Piaget 1969). 

Man kann Berkeley’s Argument als Radikalisierung des Standpunktes der Stoiker (Sextus Empiricus, Pyrrhonische Skepsis I, 228) ansehen, wonach „wahre„ Erkenntnis erst durch das Anfassen und Manipulieren eines Gegenstandes erfolgt (was auch die deutsche Sprache mit begreifen oder wahrnehmen andeutet); dahinter steht die Auffassung, daß in der visuellen Welt, sowohl die wahre Form der Gegenstände wie auch ihre wahre Größe durch die Position und Entfernung des Betrachters zum Gegenstand verändert, also durch die Wahrnehmung verfälscht werden. Dem begegnet schon Aristoteles mit der auf die Pythagoras zurückgehende Argumentation, daß es die Invarianzen bei der Bewegung des Betrachters oder der Bewegung der Objekte relativ zum Betrachter seien, die den Realitätsgrad der Wahrnehmung bestimmen. 

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