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Haptische Wahrnehmung im Kontext der Sensorischen Integrationstherapie

Christine Ettrich

Was ist sensorische Integration?

Die Erklärung und Analyse von Entwicklungs- und Lernstörungen mit neuropsychologischen Theorien und Methoden führte bereits in den siebziger Jahren zu der Vermutung [6], daß diese nicht vordringlich durch motivationale Einstellungen oder erlebnisbedingte Fehlentwicklungen, sondern vor allem durch Störungen im Zusammenwirken sensorischer und neuronaler Funktionsbereiche herbeigeführt werden. Im Verlaufe der prä- und postnatalen Entwicklung kommt es zur Herausbildung der spezifischen Sensorik (Hautsinn, Auge usw.), der afferenten und efferenten Bahnen zum und vom Gehirn und zur Spezifizierung entsprechender Hirnareale zur Verarbeitung sensorischer Informationen. Dabei stehen die einzelnen Areale für die Verarbeitung spezifischer Informationen nicht isoliert nebeneinander, sondern sie sind im Interesse der Informationsverarbeitung zu einem handlungsleitenden Gesamtbild [2,3] in vielfacher und beständiger Interaktion. Den Prozeß der Herausbildung solcher Interaktionsbeziehungen, des Austausches, des Abgleiches, des Zusammenführens und der Bewertung von Informationen bezeichnet man als sensorische Integration. Es handelt sich um ein äußerst sensibles Entwicklungsgeschehen, so daß selbst minimale hirnorganische Beeinträchtigungen und/oder sensorische Deprivationen Störungen der Informationsverarbeitung hervorrufen können, die uns dann als Entwicklungs- oder Lernstörung oder beides deutlich werden. 

Durch das beständige Zusammenwirken sensorischer Systeme mit bestimmten (evolutiv vorbestimmten) Funktionsbereichen des Zentralnervensystems und dieser untereinander kommt es nach Leontjew [23,24] und Luria [27,28] zur Ausbildung sogenannter funktioneller Hirnorgane oder funktioneller neuronaler Systeme. Es handelt sich hier um komplexe dynamische Strukturen, die entstehen, wenn bestimmte wiederkehrende Anforderungen vorliegen, die die Hirnareale zu einer Interaktion evozieren, so daß sich letztendlich ein "Funktionsteam" herausbilden kann, das am zweckmäßigsten zur Erfüllung einer bestimmten Funktion beitragen kann, wobei man annehmen darf, daß die Selbstregulation hirnorganischer Prozesse bei ungestörten Voraussetzungen einem Optimum zustrebt. 

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