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Störung der haptischen Wahrnehmung bei Anorexia nervosa

Martin Grunwald und Hermann-Joseph Gertz

Zufällige Beobachtungen als Ausgangspunkt

Im Rahmen einer EEG-Studie [16] zur Untersuchung der hirnelektrischen Aktivitätsänderungen bei haptischer Wahrnehmung wurde ein experimentelles Design entwickelt, bei dem unterschiedlich komplexe Tiefenreliefmuster durch beidhändiges Ertasten, ohne visuelle Kontrolle erkannt werden mußten. Wie angenommen, bereiteten diese Anforderungen den gesunden Probanden (Studenten) keine nennenswerten Schwierigkeiten. Eine Probandin (Frau „D") zeigte jedoch völlig unerwartet verzerrte zeichnerische Wiedergaben der Reliefstruktur. Es ergab sich die Frage, weshalb ihr offensichtlich die Verarbeitung der multisensorischen Informationen Schwierigkeiten bereitete. Nachdem als Ursachen mögliche neurologische Störungen sicher ausgeschlossen werden konnten, deuteten einige äußere Erscheinungsmerkmale der Probandin auf eine Erkrankung hin, die als Anorexia nervosa (Magersucht) bezeichnet wird. Aufgrund ethischer Fragen konnte diese Vermutung im konkreten Fall nicht näher untersucht werden. Sie führte jedoch dazu, die bekannten Symptome dieser Erkrankung näher zu betrachten und nach möglichen Zusammenhängen zwischen den experimentellen Untersuchungsbefunden zu suchen.

Anorexia nervosa


Nach Köhle und Simons [20] kennzeichnet die Bezeichnung „Anorexia nervosa" (AN) eine schwere psychische Erkrankung, die mit einer zentralen Störung des Eßverhaltens verbunden ist und oft zu einem bedrohlichen Zustand von Unterernährung führt. Die Erkrankung betrifft fast ausschließlich Mädchen und tritt sehr häufig im Verlauf der Adoleszenz erstmalig auf. Sie führt zu chronischen körperlichen und psychosozialen Leiden und nicht selten zum Tode der Erkrankten. Im Mittelpunkt dieser Störung des Eßverhaltens steht die geringe Aufnahme von Kalorien, das Weglassen von Mahlzeiten sowie selbstinduziertes Erbrechen. Die Folge ist ein starker Gewichtsverlust so das ein Körpergewicht zwischen 25-30 kg erreicht wird. Dieser Verhaltenskomplex geht einher mit der völligen Verleugnung eines bestehenden Krankheitszustandes. Erst körperliche Erschöpfungzustände, verringerte Schulleistungen oder eines der schwerwiegenden Begleitsymptome führen in der Regel zur Konsultation eines Arztes [25]. Therapeutische Interventionen gestalten sich aufgrund der fehlenden Krankheitseinsicht der Anorexia nervosa Patienten als äußerst schwierig, und in der Regel bedarf es einer mehrjährigen Behandlung.

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